REPORTAGE
Mittwoch, 10. März, 19:00 Uhr
Künstlerverein Malkasten
Jacobihaus - Jacobistr. 6 a
Eintritt: frei
Telefon: 0211 - 35 64 71
„Adler fliegen allein. Einmal Tirana und zurück...“
Eine Woche lang hat sich der Künstler und Kunsthistoriker
Dr. Johannes auf der Lake in Albanien aufgehalten.
In der Veranstaltung berichtet er über seine – subjektiven
– Eindrücke.
Inspiriert wurde diese Fahrt u.a. durch den unkonventionellen Umgang mit
Kunst im öffentlichen Raum, wie ihn EDI RAMA, der bildende Künstler
und Bürgermeister der albanischen Hauptstadt Tirana,
betreibt.
Zu dieser Reportage wird der Bürgermeister Edi Rama persönlich
erwartet.
Edi Rama: Stadtchef im Farbenrausch
Schluss mit dem postkommunistischen Einheitsgrau hat sich
der Bürgermeister von Tirana gesagt und brachte Farbe auf die Häuser
seiner Stadt. Das steinerne Bunt wirkt tatsächlich Wunder.
Edi Rama, Bürgermeister von Tirana:
"Nach einer langen, dunklen grauen Zeit haben die Farben die Menschen
aufgeweckt, sie waren sehr starkes Zeichen der Wiedergeburt, der Lust
zum Leben und des Erwachens."
Sie
küssen ihn und danken ihm, wo er geht und steht. Edi Rama, Bürgermeister
von Tirana, muss Autogramme geben wie ein Popstar. In drei Jahren Amtszeit
hat er eine nicht für möglich gehaltene Friedensstimmung in
die albanische Hauptstadt gezaubert. Mit knallbunten Häuserfronten
und Bäumen. Das wirkte Wunder: Mehr Gemeinschaftssinn, weniger Kriminalität,
ein neues Lebensgefühl im postkommunistischen Tirana – mit
der Politik eines Künstlers.
Der Bürgermeister selbst wählt die Farben aus. Edi Rama, Ex-Basketballer
und politischer Dissident, hat nach einem Attentat als Künstler in
Paris gelebt. Jetzt ist Tirana meine Leinwand, sagt er.
Er holte sich ein ganz junges Team, warf 500 korrupte Beamte hinaus. Im
Rathaus von Tirana arbeiten mehr Frauen als Männer – weil sie
Fremdsprachen können, gut ausgebildet sind, ungewöhnlich im
patriarchialischen Balkan.
Und Edi ist wirklich ein Popstar – im Lied einer Hiphop-Band rappt
er über die Widersprüche von Tirana: Kampf und Frieden, Betrug
und Wahrheit, Lust und Stress. Auch diese Liebeserklärung an seine
Stadt hat ihm Sympathien gebracht, der Song ist zum Lokalhit der Jugend
von Tirana geworden.
Edi Rama:
"Es gab nicht einen Quadratmeter Grün in dieser Stadt, es war
schrecklich."
Sein
Rezept: Bäume pflanzen, Wildwuchs abreißen, Parks und Gehsteige
anlegen. Durch Korruption und Mafia waren alle öffentlichen Räume
mit illegalen Bauten gepflastert, Edi Rama ließ sie abreißen.
Weil er unbestechlich vorging und keine Ausnahmen macht, gibt es keine
Revolte dagegen.
Edi Rama:
"Es sieht aus wie nach einem Bombenangriff, aber echter Krieg ist
woanders. Es ist leider ein kleiner Krieg, um großen Frieden zu
schaffen. Wie Picasso sagte: Man muss zerstören, um aufzubauen."
Die Geschäftsleute beteiligen sich an den Kosten für den Gehsteig
vor ihrem Laden, sie sorgen für den Erhalt. Das schafft Verantwortungsgefühl
und neuen Lokalstolz.
Verkäuferin:
"Es gibt viele Gärten, wo die Kinder spielen können, man
kann auf sauberen und schönen Plätzen in Ruhe einen Kaffee trinken.
Also hat er gute Arbeit geleistet."
Der Fluß im Zentrum war mit bis zu siebenstöckigen illegalen
Häusern zugebaut – gerade wird der Lana-Fluß saniert.
130.000 Tonnen Schutt von abgerissenen Bauten wurden weggeschafft, um
den öffentlichen Raum zurückzuerobern. Hundert Bäume sind
besser als ein Heer Polizisten, sagt Edi Rama, die Bürger selbst
achten auf Sicherheit. Seine politischen Feinde kritisieren jedoch, es
sei alles nur Fassade.
Edi Rama:
"Was soll ich dazu sagen? Es ist unglaublich! Dieser Fluß,
der die Stadt durchfließt, war die große Bausünde Albaniens.
Ein Symbol dafür, wie unsere Demokratie Illegalität und Anarchie
förderte, wenn das Fassade ist?"
In den Vierteln hinter den bunten Fassaden ist der Mercedes das meistverbreitete
Auto. Oft fallen Strom- und Wasserversorgung aus. Edi Ramas Farben sind
noch nicht bis hierher gekommen. Aber sein Hiphop-Song "Tirona",
die Hymne des neuen Heimatgefühls, jeder kennt den Text. Arben, Xhulio
und der kleine Emiliano rappen ihn uns vor: Tirona, du bist unser Herz,
für immer unser Champion.
Manchmal sehnt sich Edi Rama nach seiner Zeit als freier Künstler
in Paris, dahin zurückgehen will er nicht.
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